Vier Prozent

Shownotes

Über Einsatzrealität, Verantwortung und die Grenzen des Mantrailings

Vier Prozent Fundquote im Einsatz. Eine Zahl, die zunächst erschreckt – und die viele Fragen aufwirft. Was sagt sie tatsächlich über Mantrailing aus? Warum sind Realeinsätze so viel komplexer als Training? Welche Rolle spielen Zeit, Mobilität, Geruchsgegenstand und Einsatzbedingungen? Und wie ehrlich überprüfen wir eigentlich unsere eigene Leistungsfähigkeit?

In dieser Folge geht es um die Faktoren, die wir nicht beeinflussen können – und vor allem um jene, für die wir Verantwortung tragen: einsatznahes Training, doppelblinde Überprüfung, Prüfungen und ihre Grenzen, Tagesform und die manchmal schwierige Entscheidung, nicht in einen Einsatz zu gehen. Denn Einsatzfähigkeit ist mehr als eine bestandene Prüfung.

📖 Mehr zum Thema: In meinem Buch „Dem Geruch auf der Spur“ beschäftige ich mich im Kapitel „Mein persönlicher kritischer Diskurs“ ausführlich mit der niedrigen Erfolgsquote im Realeinsatz und den Fragen, die sich daraus für das Mantrailing ergeben.

„Der Hund folgt dem Geruch. Der Mensch trägt die Verantwortung.“

Themen dieser Folge:

  • Was die Vier-Prozent-Fundquote tatsächlich aussagt
  • Warum Realeinsätze so komplex sind
  • Zeit, Mobilität und öffentliche Verkehrsmittel
  • Der Geruchsgegenstand als entscheidende Ausgangsinformation
  • Einsatznahes Training und die eigenen Grenzen
  • Doppelblindes Training als ehrliche Leistungsüberprüfung
  • Prüfungen – ihre Bedeutung und ihre Grenzen
  • Tagesform und tatsächliche Einsatzfähigkeit
  • Verantwortung statt Ego
  • Warum nicht auszurücken manchmal die professionellste Entscheidung ist

Mehr Informationen: Karina Kalks Sachverständige für Hunde | Autorin | Mantrail Academy Austria

Buch: „Dem Geruch auf der Spur – Geruchssinn verstehen bei Hund und Mensch“

Die Frage dieser Folge: Was bedeutet Einsatzfähigkeit wirklich – und wie ehrlich sind wir mit uns selbst?

Transkript anzeigen

00:00:02: Die Antwort auf alles ist Geruch.

00:00:09: Ein Podcast über Geruch, Hunde und die Fragen dahinter mit Karina Kalks.

00:00:22: Nicht jede Suche endet mit einem Fund aber jede suche sollte mit Verantwortung beginnen.

00:00:33: Heute geht es um eine Zahl Eine Zahl über die kaum jemand gerne spricht Eine Zahl, die zunächst fast wie ein Scheitern klingt.

00:00:44: Vier Prozent Mehr nicht vier Prozent.

00:00:50: Wenn diese Zahl stimmt dann müssen wir uns eine unbequeme Frage stellen Warum ist sie so niedrig?

00:00:58: Liegt es an den Hunden, an den Hundeführern am Training oder ist die Wirklichkeit eines Einsatzes sehr viel komplexer als diese Zahl zunächst vermuten lässt?

00:01:11: Vor einiger Zeit wurden Fundquoten von Mentrailern in Deutschland zusammengetragen, betrachtet man zusätzlich Einsatzdaten anderer Organisationen im deutschsprachigen Raum ergibt sich bei einer eng gefassten Betrachtung unmittelbarer Funde eine Größenordnung von ungefähr vier Prozent.

00:01:31: Vier Prozent?

00:01:33: Das wirkt ernüchternd – vielleicht sogar erschreckend!

00:01:39: Aber Bevor wir daraus Schlüsse ziehen, müssen wir zunächst verstehen was diese Zahl überhaupt beschreibt und was sie nicht beschreibt.

00:01:50: Denn eine Zahl allein erzählt noch keine Geschichte – erst ihre Definition entscheidet darüber, was sie bedeutet!

00:02:12: Wenn man diese Zahl isoliert betrachtet könnte man glauben, Menthelling funktioniere im Einsatz kaum Aber das wäre ein vorschneller Schluss.

00:02:23: Denn bevor wir über eine Erfolgsquote sprechen, müssen wir klären was in einer Statistik überhaupt als Erfolg gezählt wird?

00:02:32: Ist ein Einsatz nur dann erfolgreich wenn der Mantrailer die vermisste Person unmittelbar findet.

00:02:39: oder zählt auch ein Hund als erfolgreich der bis zu einer Bushaltestelle führt und damit einen möglichen Umstieg in einem Verkehrsmittel anzeigt?

00:02:49: Was ist mit einem Team, das eine Laufrichtung liefert aufgrund derer andere Kräfte ihrer Suche neu ausrichten?

00:02:57: Was isst mit einem Hund, der einen bislang angenommen Startpunkt infrage stellt oder mit einer Information die für die weitere Einsatzleitung hilfreich ist obwohl der Hund die Person nicht selbst findet.

00:03:11: Je nachdem wie Erfolg definiert wird können sehr unterschiedliche Zahlen entstehen Und diese vier Prozent beziehen sich alleine auf Fundquoten.

00:03:26: Für diese Folge verwende ich den Begriff Erfolg im engen Sinn, das heißt Erfolg ist auch der Fund.

00:03:36: Das bedeutet zugleich – diese vier Prozent bilden nicht automatisch den gesamten möglichen taktischen Wert eines Manchwelling-Einsatzes ab!

00:03:45: Eine Fundquote ist nicht dasselbe wie die Frage, ob ein Team eine verwertbare Information geliefert hat.

00:03:53: Und sie ist schon gar nicht dassalber wie die frage, ob Hunde grundsätzlich in der Lage sind individuellen menschlichen Geruch zu verfolgen.

00:04:02: Die Zahl beschreibt ein Ergebnis realer Einsätze und reale Einsätze sind etwas völlig anderes als Training.

00:04:11: Im Training bestimmen wir den Zeitpunkt Wir wählen die Aufgabe Wir kennen zumindest den geplanten Rahmen.

00:04:19: Wir können Fehler analysieren, wiederholen und daraus lernen.

00:04:24: Ein Realeinsatz kennt diese Ordnung nicht!

00:04:28: Er beginnt oft erst dann wenn bereits vieles gegen uns arbeitet – wenn die vermisste Person längst unterwegs ist, wenn niemand genau weiß was geschehen ist… Wenn Informationen fehlen oder einander widersprechen … wenn wertvolle Zeit vergangen und wenn Entscheidungen unter enormen Druck getroffen werden müssen.

00:04:51: Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, warum liegt die unmittelbare Fundquote so niedrig?

00:05:01: Wie viele Faktoren müssen gleichzeitig zusammenpassen damit ein Man-Trailing Team überhaupt eine realistische Chance auf einen unmittelbaren Fund hat?

00:05:12: Genau diese Faktore Möchte ich mir heute mit Euch ansehen?

00:05:30: Schauen wir uns an, wie ein Realeinsatz tatsächlich beginnt.

00:05:35: Viele stellen sich vor der Hundwerte zum letzten bekannten Aufenthaltsort gebracht, bekommen einen Geruchsgegenstand und folge anschließend das Spur der vermissten Person.

00:05:46: Doch schon diese Vorstellung setzt voraus dass wir mehrere Dinge sicher wissen!

00:05:52: Wo wurde die Person tatsächlich zuletzt

00:05:55: gesehen?!

00:05:57: Ist das wirklich der Ort, an dem ihre relevante Bewegung begonnen hat?

00:06:03: Welche Informationen sind bestätigt?

00:06:06: Welcher beruht nur Vermutungen und welchen konkreten Auftrag erhält das Man-Trailing Team.

00:06:14: Ein Hund arbeitet nicht losgelöst vom gesamten Einsatz – auch die Wahl des Startpunktes, die Qualität der verfügbaren Informationen welche Aufgabe er überhaupt lösen soll.

00:06:30: Wird an einem ungeeigneten Ort angesetzt oder beruht die Ausgangslage auf einer falschen Annahme, kann selbst ein sehr gutes Team keine eindeutige Antwort liefern.

00:06:42: Hinzu kommt die Mobilität der vermissten Person.

00:06:45: Nehmen wir an – Ein Mensch verschwindet in einer Großstadt!

00:06:49: Er verlässt seine Wohnung, geht einige hundert Meter zu Fuß und steigt in einen Bus Wechselt später in eine Straßenbahn oder in die U-Bahn und befindet sich kurze Zeit später mehrere Kilometer vom ursprünglichen Aufenthaltsort entfernt.

00:07:07: Für uns Menschen ist das eine alltägliche Form der Fortbewegung, für den Hund verändert sich damit jedoch die Geruchslage grundlegend.

00:07:17: Folgt ein Hund im Individualgeruch bis zu einer Haltestelle oder einem Bahnhof und findet dort keine eindeutig verfolgbare Fortsetzung, bedeutet das nicht zwangsläufig dass er versagt oder die Spur einfach verloren hat.

00:07:33: Es kann sein, daß er genau bis zu dem Punkt gearbeitet hat an dem die Person in ein Verkehrsmittel eingestiegen ist.

00:07:41: Die zu Fuß entstandene Geruchslage setzt sich dann nicht einfach in derselben Form entlang der Fahrtstrecke fort.

00:07:49: Dass vermisste Menschen später weit entfernt oder sogar in einer anderen Stadt gefunden werden, kann genau zu einer solchen Ausgangslage passen.

00:08:00: Der zweite große Faktor ist die Zeit!

00:08:03: Die wenigsten Vermistenfälle werden innerhalb weniger Minuten erkannt – manchmal fällt zunächst gar nicht auf, dass jemand fehlt.

00:08:12: Angehörige beginnen selbst zu suchen, andere Personen werden kontaktiert, die Polizei wird verständigt Informationen werden gesammelt und überprüft.

00:08:23: Ein Mantrailing-Team wird alarmiert und fährt zum Einsatzort.

00:08:27: Bis der Hund tatsächlich angesetzt wird, können viele Stunden vergangen sein – manchmal ein Tag, manchmal auch zwei!

00:08:37: Während dieser Zeit bleibt die Geruchslage nicht unverändert.

00:08:42: Wind verteilt geruchsaktive Stoffe.

00:08:44: Regen verändert Oberflächen und Umweltbedingungen Sonneneinstrahlung erwärmt Materialien, Menschen, Tiere und Fahrzeuge bewegen sich durch denselben Bereich.

00:08:56: Und mikrobiologische Prozesse verändern fortlaufend die Zusammensetzung geruchsaktiver Stoffe.

00:09:03: Geruch verschwindet nicht einfach in einem bestimmten Moment – aber die Geruchslage verändert sich kontinuierlich!

00:09:11: Der Hund muss aus dieser dynamischen Geruchswelt jene Informationen herausfiltern die noch zu vermissten Personen gehören.

00:09:21: Dabei gibt es keine allgemeingültige Altersgrenze, ab der eine Spur plötzlich unbrauchbar wäre.

00:09:28: Ob und wie gut sie noch verfolgt werden kann hängt von sehr vielen Bedingungen ab – vom Untergrund, von der Umgebung, der Witterung von der menschlichen Aktivität, Dann gibt es noch eine weitere Hürde, die oft schon ganz am Anfang des Einsatzes steht.

00:09:54: Der Geruchsgegenstand Schon.

00:09:57: seine Beschaffung kann ausgesprochen schwierig sein.

00:10:02: Was das für den gesamten Einsatz bedeutet darauf komme ich später noch ausführlich zurück.

00:10:08: Zunächst genügt ein Gedanke Noch bevor wir die Leistungen des Hundes beurteilen wurde seine Aufgabe bereits von zahlreichen äußeren Bedingungen geprägt.

00:10:21: Und viele davon liegen außerhalb unserer Kontrolle, aber nicht alle.

00:10:27: und genau dort wird es unbequem!

00:10:44: Wir können nicht beeinflussen wann eine Person verschwindet.

00:10:49: wir können nicht verhindern dass sie in einem Bus oder eine U-Bahn steigt wir können das Wetter nicht verändern und wir können die Zeit nicht zurücktränen Aber wir können beeinflussen, wie wir trainieren.

00:11:04: Wie ehrlich wir unsere Leistung überprüfen!

00:11:07: Wie gut wir unsere Grenzen kennen und ob wir tatsächlich für jene Wirklichkeit vorbereitet sind in der wir später arbeiten möchten.

00:11:18: Bevor wir äußere Umstände für einen erfolglosen Einsatz verantwortlich machen sollten wir uns deshalb selbst eine Frage stellen Sind wir wirklich so gut vorbereitet?

00:11:29: wie wir glauben, trainieren wird tatsächlich für den Einsatz oder trainieren wir überwiegend das was gut funktioniert.

00:11:39: Suchen wir bewusst schwierige Situationen Innenstädte, Bahnhöfe Verkehrsknotenpunkte Einkaufszentren Menschenmengen, dynamische Geruchslagen wechselnde Untergründe und klare Übergänge Situationen, in denen eine Spur nicht bequem bis zu einer wartenden Verstecksperson führt.

00:12:01: Oder bewegen wir uns hauptsächlich dort wo unser Hund regelmäßig erfolgreich ist und wie uns sicher fühlen.

00:12:09: Denn genau dort kann eine gefährliche Illusion entstehen!

00:12:14: Ein Hund kann im Training hervorragend aussehen – er kann Aufgaben sicher lösen, er kann regelmäßig eine Person finden und trotzdem auf bestimmte Anforderungen eines Realeinsatzes nicht ausreichend vorbereitet sein.

00:12:33: Nicht weil er ein schlechter Hund ist, sondern weil er diese Situationen nie kennenlernen musste.

00:12:41: Ein ruhiger Weg am Waldessrand ist nicht dasselbe wie im Bahnhof.

00:12:47: Ein überschaubares Wohngebiet ist nicht das selbe wie eine Innenstadt am Samstag Nachmittag!

00:12:54: Ein frischgelegter Trail mit bekannten Endpunkt ist schon lang nicht dasselbe wie eine reale Vermistensuche, mit unklarer Informationslage.

00:13:04: Training muss sich deshalb an der möglichen Einsatzrealität orientieren – nicht die Einsatzrealität an unserem bevorzugten Training!

00:13:15: Doch auch damit endet die Selbstkritik nicht.

00:13:20: Wir sprechen häufig von Einsatzfähigkeit als wäre sie ein fester Zustand.

00:13:25: Ein Team ist geprüft, bestätigt, zertifiziert.

00:13:30: Also einsatzfähig!

00:13:33: Aber Leistung ist nicht an jedem Tag gleich.

00:13:36: Jeder Hund hat gute Tage und weniger Gute.

00:13:41: Es gibt Tage, an denen er hochkonzentriert arbeitet klare Entscheidungen trifft und komplexe Aufgaben scheinbar mühelos löst Und es gibt Tage , an denen genau diese Präzision fehlt.

00:13:56: Vielleicht ist der Hund körperlich nicht ganz fit, vielleicht ist er mental belastet.

00:14:01: Vielleicht gab es zuvor eine anstrengende Situation?

00:14:07: Vielleicht erkennen wir die Ursache gar nicht – das Gleiche gilt für uns Menschen!

00:14:13: Unsere Konzentration schwankt, unsere Belastbarkeit schwankts und auch unsere Aufmerksamkeit.

00:14:22: Unsere Fähigkeit den eigenen Hund zu lesen und unter Druck gute Entscheidungen zu treffen, ist nicht jeden Tag identisch.

00:14:31: Einsatzfähigkeit ist deshalb nicht nur ein Status – sie ist immer auch eine Momentaufnahme!

00:14:40: Ein Team kann grundsätzlich hervorragend ausgebildet sein und trotzdem heute nicht die bestmögliche Leistung abrufen können.

00:14:49: Das Anzuerkennen ist keine Schwäche.

00:14:53: Es ist Professionalität Und es kann bedeuten sich an einem bestimmten Tag nicht einsatzklar zu melken.

00:15:03: Doch woher wissen wir überhaupt, wie gut wir wirklich sind?

00:15:07: Aus erfolgreichen Trainings, aus einer bestandenen Prüfung, aus dem Lob anderer und aus dem Gefühl das es meistens gut läuft – all das kann wertvoll sein!

00:15:22: Aber es beantwortet nicht vollständig was tatsächlich vorhanden ist Denn überall dort, wo Menschen Informationen über den Verlauf eines Trails besitzen, können sie Einfluss nehmen.

00:15:35: Nicht unbedingt absichtlich?

00:15:38: Oft geschieht es völlig unbewusst – ein Blick, eine Veränderung der Körperhaltung, ein kurzes Zögern, eine Bemerkung, eine veränderte Leinenführung, einen Trainer, der plötzlich aufmerksamer wird!

00:15:53: Eine Begleitperson die bereits weiß dass der Hund gerade richtig abbiegt.

00:15:59: Der Hund liest nicht nur Geruch, er nimmt auch uns wahr!

00:16:05: Unsere Bewegungen, unsere Spannung, unsere Erwartungen.

00:16:10: Deshalb halte ich das Doppelblinde-Training für das ehrlichste Instrument, das wir Man Trailing haben.

00:16:17: Doppelpwind bedeutet – der Hundeführer kennt den Verlauf nicht.

00:16:23: Die Begleitperson kennt ihn auch nicht.

00:16:26: Und auch der Trainer, der unmittelbar mitgeht und das Team beurteilt besitzt keine Informationen durch die er bewusst oder unbewusst Einfluss nehmen könnte.

00:16:38: Der Hund ist der einzige, der die entscheidenden Informationen liefern kann – und dann zeigt sich was tatsächlich vorhanden ist!

00:16:50: Kann der Hund Individualgeruch verfolgen?

00:16:54: Kann der Hundeführer seinen Hund lesen?

00:16:57: werden Entscheidungen aufgrund des Hundes getroffen oder aufgrund eigener Erwartungen.

00:17:04: Was geschieht, wenn der Hund eine Richtung wählt die niemand erwartet?

00:17:09: Was geschht, wenn er keinen Trail aufnimmt?

00:17:14: Wird diese Information auch akzeptiert oder wird so lange weitergesucht bis das Bild wieder zu unserer Vorstellung passt?

00:17:23: Doppelblindestraining nimmt uns Sicherheiten!

00:17:28: und manchmal auch Illusionen.

00:17:31: Genau deshalb ist es unbequem, aber genau deshalb ist das so wertvoll!

00:17:37: Es dient nicht dazu zu beweisen, dass wir gut sind – es dient dazu herauszufinden was bereits zuverlässig funktioniert und woran wir noch arbeiten müssen.

00:17:50: Nur wenn wir unsere tatsächliche Leistungsfähigkeit kennen können wir verantwortungsvoll entscheiden ob wir für den Realeinsatz bereit sind.

00:18:13: An dieser Stelle müssen wir auch über Prüfungen sprechen und dieses Thema wird schnell missverstanden, deshalb möchte ich zunächst eines klar sagen – Prüfungen sind wichtig!

00:18:26: Sie schaffen Standards, sie überprüfen festgelegte Fähigkeiten, sie geben Orientierung und können verhindern dass Teams völlig unvorbereitet in Einsätze geschickt werden.

00:18:40: Aber eine Prüfung beantwortet nicht jede Frage.

00:18:45: Eine bestandene Prüfungen zeigt zunächst, dass ein Team unter bestimmten Bedingungen eine geforderte Leistung erbracht hat – an einem bestimmten Tag in einem bestimmtem Prüfungssystem nach bestimmten Regeln.

00:19:02: Das ist wertvoll aber es ist keine Garantie für eine dauerhaft gleichbleibende Einsatzleistung.

00:19:10: Und es gibt noch einen weiteren Punkt, über den wir offen sprechen müssen.

00:19:15: Prüfungen werden von Menschen bewertet und Menschen sind nicht vollkommen objektiv – das gilt für Prüfer, für Trainer, für Hundeführer und selbstverständlich auch für mich!

00:19:31: Wir alle haben Erwartungen.

00:19:34: Wir kennen vielleicht die Teilnehmer, wir kennen die Hunde, wir haben gemeinsame Erfahrungen.

00:19:41: Wir wissen, welchen Ruf ein Team hat.

00:19:45: Wir mögen manche Menschen – mit anderen können wir weniger anfangen!

00:19:50: All das kann unsere Wahrnehmung beeinflussen.

00:19:54: Manchmal bewusst?

00:19:56: Sehr häufig unbewusst.

00:19:59: Es gibt Prüfungssituationen in denen Richter den Verlauf kennen.

00:20:04: Es gibt Situationen, in denen sich Richter und Teilnehmer seit Jahren kennen Und es gibt Systeme, in denen persönliche Nähe, Sympathie-, Erwartungen oder der Ruf eines Teams nicht ausreichend von der tatsächlichen Leistungsbewertung getrennt werden.

00:20:23: Das bedeutet nicht, dass jeder Richter unfair bewertet – es bedeutet auch nicht, das jede bestandene Prüfung fragwürdig ist!

00:20:32: Aber ein Prüfungssystem kann Neutralität nicht allein dadurch garantieren, neutral sein zu wollen.

00:20:44: Gute Absichten ersetzen keine methodische Sicherungen.

00:20:49: Je mehr Informationen ein Prüfer über den Verlauf besitzt, desto größer ist die Möglichkeit das unbewusste Hinweise entstehen.

00:20:58: Je enger persönliche Beziehungen sind, destо schwieriger kann eine vollständig neutrale Bewertung werden und je grösser der Interpretationsspielraum eines Prüfungssystems ist desto stärker hängt das Ergebnis von den einzelnen bewertenden Personen ab.

00:21:18: Im ungünstigsten Fall kann deshalb ein Team eine Prüfung bestehen, obwohl seine Leistung bei einem vollständigen unbekannten Verlauf nicht ausreichen würde.

00:21:31: Das ist unbequem!

00:21:34: Aber wir sollten darüber sprechen – Nicht um Prüfungen abzuwerten und nicht um Prüfer pauschal zu verurteilen sondern weil Prüfungen ihrem Anspruch nur gerecht werden können, wenn wir auch ihre möglichen Schwachstellen ernst nehmen.

00:21:53: Genau deshalb sind Prüfungs- und Trainingsformen besonders aussagekräftig, wenn Wissen über den Verlauf und persönliche Einflüsse möglichst weit reduziert werden.

00:22:06: Das Doppelblindearbeiten – über das wir gerade gesprochen haben ist dafür ein entscheidendes Instrument!

00:22:13: Je weniger ein Mensch das Ergebnis beeinflussen kann, desto aussagekräftiger wird die gezeigte Leistung.

00:22:21: Eine Prüfung sollte deshalb nicht beweisen, dass sein Team im Einsatz erfolgreich sein wird – das kann sie nicht!

00:22:29: Sie sollte das Risiko verringern, dass ein Team in einen Einsatz geht, obwohl es dafür nicht ausreichend vorbereitet ist und sie sollte niemals der Endpunkt der Qualitätskontrolle sein.

00:22:43: Eine Urkunde kann regelmäßiges anspruchsvolles und ehrliches Training nicht ersetzen.

00:23:04: Wenn ich gefragt werde, was in einem vermissten Einsatz besonders häufig unterschätzt wird erwarten viele eine Antwort wie der Hund, der Wind das Wetter die Erfahrung des Hundeführers.

00:23:21: Meine Antwort lautet meist anders Der Geruchsgegenstand.

00:23:28: Denn noch bevor der Hund arbeitet, braucht er eine Ausgangsinformation.

00:23:34: Einen Geruch anhand dessen er die gesuchte Person von allen anderen Menschen unterscheiden soll.

00:23:41: In der Theorie klingt das einfach!

00:23:45: Man nimmt einen persönlichen Gegenstand der vermisten Personen und lässt den Hund daran riechen.

00:23:50: In Praxis ist genau dieser Schritt häufig ausgesprochen schwierig.

00:23:57: Dabei geht es nicht nur darum ob Irgendein Gegenstand vorhanden ist, es geht darum welcher Gegenstand ausgewählt wird.

00:24:06: Wer ihn benutzt hat, wer ihn berührt hat wo er gelegen ist mit welchen anderen Gegenständen er Kontakt hatte und ob er den Individualgeruch der vermissten Person überhaupt ausreichend repräsentiert.

00:24:23: In einer idealen Situation gebe es einen persönlichen Gegenstand, den ausschließlich die vermisste Person benutzt hat und den seitdem niemand mehr angefasst hat.

00:24:35: Diese ideale Situation gibt es selten!

00:24:39: Die Jacke hängt gemeinsam mit den Jacken anderer Familienmitgliedern an der Garderobe.

00:24:45: Das Kopfkissen wurde beim Suchen mehrfach berührt – das Mobiltelefon wurde von Angehörigen überprüft.

00:24:53: Kleidung lag gemeinsam mit anderen Textiliern im Wäschekorb.

00:24:58: Ein Gegenstand wurde gut gemeint aufgehoben, weitergereicht und schließlich in einem Beutel gepackt – nicht aus Nachlässigkeit sondern weil den meisten Menschen nicht bewusst ist welche Bedeutung diese Berührungen für die spätere Arbeit des Hundes haben können.

00:25:17: Besonders schwierig kann die Situation in Pflege und Seniorenheimen sein.

00:25:23: Dort werden Bewohner täglich von verschiedenen Menschen betreut.

00:25:28: Pflegekräfte helfen beim Anziehen, Kleidung wird gewechselt und gewaschen, Betten werden gemacht, Zimmer werden gereinigt.

00:25:37: Persönliche Gegenstände werden angefasst verschoben oder gemeinsam mit anderen Dingen verwahrt.

00:25:44: Vielleicht besitzt die vermisste Person nur wenige persönlicher Gegenständen.

00:25:49: Vielleicht wurden jene Gegenstände, die geeignet gewesen wären bereits von mehreren Menschen berührt.

00:25:57: Vielleicht ist gar nicht mehr eindeutig feststellbar welcher Gegenstand zuletzt ausschließlich von dieser Person benutzt wurde.

00:26:07: Dann steht das Einsatzteam vor einer schwierigen Entscheidung.

00:26:11: Welcher Geruchsgegenstand ist unter diesen Bedingungen der Bestmögliche?

00:26:18: Welche Fremdgerüche könnten darauf vorhanden sein?

00:26:24: Gibt es Alternativen?

00:26:26: Kann ein weiterer Gegenstand zum Vergleich herangezogen werden?

00:26:31: Wie wurde der Gegenstand gesichert und welche Unsicherheiten müssen bei der anschließenden Arbeit berücksichtigt werden.

00:26:39: Der Geruch, den wir dem Hund präsentieren bildet die Ausgangsinformation seiner Suche.

00:26:46: Ein kontaminierter Gegenstand macht eine Arbeit nicht automatisch unmöglich.

00:26:51: Hunde können gerücherdifferenzieren und aus komplexen gemischen relevante Informationen herausarbeiten.

00:26:59: Aber je unklarer die Ausgangsinformation ist, desto schwieriger und interpretationsbedürftigter kann die Aufgabe werden.

00:27:09: Deshalb ist der Geruchsgegenstand keine Nebensache!

00:27:15: Er ist ein wesentlicher Teil der Einsatzvorbereitung.

00:27:19: Seine Auswahl verlangt Wissen Sorgfalt Erfahrung und manchmal auch die Ehrlichkeit zu sagen, wir haben keinen idealen Geruchsgegenstand.

00:27:33: Wir arbeiten mit der bestmöglichen Alternative, müssen die Ergebnisse aber entsprechend vorsichtig beurteilen.

00:27:41: Denn der Hund trägt nicht die Verantwortung für die Bedingungen unter denen wir ihn starten lassen – diese Verantwortung tragen wir!

00:27:51: Noch bevor der Hund einen einzigen Meter gelaufen ist, haben wir Menschen bereits viele Entscheidungen getroffen.

00:27:58: Die den Einsatz beeinflussen und vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Folge?

00:28:18: Vier Prozent!

00:28:20: Am Anfang klang diese Zahl fast wie ein Urteil.

00:28:23: Wir haben Beweis dafür dass etwas nicht funktioniert.

00:28:28: nach allem worüber wir gesprochen haben erzählt sie jedoch eine andere Geschichte.

00:28:33: Sie zeigt, wie komplex reale Einsätze sind.

00:28:37: Wie viele Voraussetzungen gleichzeitig zusammenpassen müssen?

00:28:41: Wie viel Zeit bereits vergangen sein kann?

00:28:45: Wie weit sich eine vermisste Person inzwischen entfernt haben kann?

00:28:48: – Wie schwierig die Ausgangslage sein kann!

00:28:53: Wie entscheidend der gewählte Startpunkt

00:28:56: ist?!

00:28:57: Wie problematisch ein Geruchsgegenstand sein kann und wie viel Verantwortung bei den Menschen liegt, lange bevor der Hund überhaupt arbeitet.

00:29:07: Viele Faktoren können wir nicht kontrollieren aber einige davon können wir beeinflussen unser Training unsere Vorbereitung unserer Standards die Bedingungen unter denen wir unsere Leistung überprüfen Die Sorgfalt bei der Auswahl und Sicherung des Geruchsgegenstandes Unsere Ehrlichkeit.

00:29:33: Vielleicht besteht die wichtigste Eigenschaft eines Einsatzteams deshalb nicht darin, möglichst oft auszurücken – sondern zu wissen wann es besser ist NICHT Auszurücken.

00:29:47: Es ist keine Schande sich nicht einsatzklar zu melden Auch dann nicht wenn man formal geprüft und grundsätzlich einsatzfähig isst Denn Einsatzfähigkeit auf dem Papier bedeutet nicht automatisch, dass Hund und Mensch heute jene Leistung erbringen können.

00:30:07: Die diese Aufgabe verlangt!

00:30:09: Das einzugestehen ist keine Schwäche – es ist Verantwortung.

00:30:15: Verantwortung beginnt nicht am Ende eines Trails.

00:30:19: Sie beginnt lange davor.

00:30:21: Beim Training bei der ehrlichen Überprüfung bei der Bereitschaft, Schwächen zu sehen.

00:30:30: Beim Geruchsgegenstand, bei der Bewertung der Ausgangslage und bei der Entscheidung ob Hund und Mensch heute wirklich bereit sind.

00:30:42: Denn in einem Einsatz geht es nicht darum etwas zu beweisen – nicht darum wie viele Prüfungen wir bestanden haben, nicht darum welchen Titel wir tragen, und auch nicht darum, als Helden wahrgenommen zu werden.

00:31:01: Wir sind keine Helden!

00:31:04: Wir sind ein Teil eines Systems – ein kleines sensibles Werkzeug in einer Situation die für andere Menschen existenziell sein kann.

00:31:15: Manchmal kann unser Hund die vermisste Person finden.

00:31:20: Manchmal kann er entscheidende Informationen liefern Manchmal kann er nur einen Teil der Frage beantworten und manchmal kann er keine belastbare Informationen gewinnen.

00:31:33: Professionalität bedeutet nicht, jede dieser Situationen als Erfolg umzudeuten – sie bedeutet die Aussage des Hundes so ehrlich und zu vorsichtig wie möglich zu beurteilen.

00:31:48: Sie bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu kennen!

00:31:52: Und vielleicht sollten wir uns deshalb vor einem Einsatz immer wieder dieselbe Frage stellen.

00:32:00: Wenn ich heute selbst die vermisste Person wäre, würde ich genau dieses Team zu meiner Suche los schicken wollen?

00:32:09: Nicht das Team von der letzten Prüfung und nicht das Team aus unserem besten Training sondern das Team dass wir heute sind!

00:32:20: Vier Prozent sind wenig Aber für den Menschen, der gefunden wird sind sie keine Statistik.

00:32:28: Für ihn sind Sie alles!

00:32:31: Diese Zahl sollte uns deshalb nicht entmutigen aber sie sollte uns demütig machen.

00:32:37: Sie sollte uns daran erinnern dass eine bestandene Prüfung kein Endpunkt ist das Einsatzarbeit niemals zur Selbstdarstellung werden darf und das Verantwortung manchmal bedeutet loszugehen Manchmal aber auch nicht loszugehen.

00:32:58: Die niedrige unmittelbare Fundquote im Einsatz ist kein Mythos, sie ist eine Realität – eine unbequeme Realität.

00:33:08: Aber sie ist keine Entschuldigung!

00:33:11: Sie ist eine Verpflichtung zur Sorgfalt, zur Ehrlichkeit, zur Selbstkritik und dazu niemals aufzuhören besser werden zu wollen.

00:33:38: Und wenn ihr euch mit diesem Thema noch intensiver auseinandersetzen möchtet, in meinem Buch Dem Geruch auf der Spur gibt es ein Kapitel das mir persönlich besonders wichtig ist.

00:33:51: Es trägt den Titel Mein persönlicher kritischer Diskurs.

00:33:56: Dort setze ich mich ganz bewusst und ausführlich Mit der niedrigen Erfolgsquote von Mentrellern im Realeinsatz auseinander.

00:34:04: nicht um Mantrailing schlecht zu reden und auch nicht, um die Arbeit von Einsatzteams abzuwerten.

00:34:11: Sondern weil ich glaube dass wir gerade dort kritisch hinschauen müssen wo wir besonders hohe Ansprüche an unsere Arbeit stellen.

00:34:21: Ich beschäftige mich dort ausführlicher mit den möglichen Gründen für diese niedrigen Zahlen Mit dem Grenzen dessen was Mantrailling im Einsatz leisten kann aber auch mit unserer eigenen Verantwortung als Trainer und Hundeführer.

00:34:37: Denn Kritik an der eigenen Arbeit bedeutet für mich nicht, weniger von ihr überzeugt zu sein – im Gegenteil!

00:34:45: Wenn wir wollen das Man-Trailing im Einsatz ernst genommen wird, müssen wir auch bereit sein über seine Grenzen zu sprechen….

00:34:54: …und über unsere eigenen.

00:34:58: Ich bin Karina Kalks und das war die Antwort auf Alles ist Geruch.

00:35:04: Die Frage bleibt

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