Car Trail
Shownotes
Der sogenannte Car Trail gehört zu den bekanntesten und zugleich umstrittensten Themen im Mantrailing. Können Hunde einer Person folgen, nachdem diese in ein Fahrzeug gestiegen ist? Und wie passen solche Behauptungen zu dem, was wir über Geruch, Geruchsausbreitung und die Arbeit von Suchhunden tatsächlich wissen?
In dieser Folge werfe ich einen Blick auf mehr als zwanzig Jahre eigene Erfahrungen aus Training und Einsätzen, auf reale Einsatzszenarien, in denen Hunde wiederholt ein korrektes Spurende an Parkplätzen, Bus- und Bahnhaltestellen angezeigt haben, sowie auf aktuelle Versuchsreihen der ARGE Odorologie.
Wir sprechen darüber, warum gute Hunde manchmal genau dadurch überzeugen, dass sie eine Spur nicht weiterverfolgen, weshalb außergewöhnliche Behauptungen außergewöhnliche Belege benötigen und warum es gerade im Bereich der Vermisstensuche wichtig ist, zwischen Hoffnung, Wunschdenken und belastbaren Erkenntnissen zu unterscheiden.
Themen dieser Folge:
• Was unter einem Car Trail verstanden wird • Eigene Erfahrungen aus über 20 Jahren Mantrailing • Spurende in realen Einsätzen • Warum mehrere Hunde unabhängig zum gleichen Ergebnis kamen • Die Versuchsreihen der ARGE Odorologie • Offene Fenster, geringe Geschwindigkeit und mögliche Ausnahmen • Geruchsausbreitung und die Physik hinter einer Spur • Warum sich Mythen so hartnäckig halten • Die Verantwortung gegenüber Angehörigen und Behörden • Warum kritisches Denken ein wichtiger Teil guter Suchhundearbeit ist
Mehr Informationen: Karina Kalks Sachverständige für Hunde | Autorin | Mantrail Academy Austria
Buch: „Dem Geruch auf der Spur – Geruchssinn verstehen bei Hund und Mensch“
Die Frage dieser Folge: Ist der Car Trail Realität – oder einer der größten Mythen im Mantrailing?
Transkript anzeigen
00:00:02: Die Antwort auf alles ist Geruch.
00:00:09: Ein Podcast über Geruch, Hunde und die Fragen dahinter mit Karina Kalks.
00:00:20: Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnlich Beweise.
00:00:27: Es gibt Mythen, die tauchen immer wieder auf Egal ob auf Seminaren in sozialen Medien oder Gesprächen unter Hunden führen.
00:00:37: Einer davon begleitet das Men-Trailing seit vielen Jahren.
00:00:41: Der sogenannte Cartrail, also die Vorstellung dass ein Hund einer Person folgen kann nachdem dieser in einen Fahrzeug gestiegen ist und mit diesem weitergefahren wurde.
00:00:54: Ich weiß gar nicht mehr genau wann ich diesen Mythos zum ersten Mal gehört habe Wahrscheinlich vor vielen Jahren irgendwo auf einem Seminar oder vielleicht auch bei einem Erfahrungsaustausch.
00:01:06: Damals klang die Idee zunächst faszinierend.
00:01:10: Wenn Hunde, Menschen über Kilometer hinweg verfolgen können – warum sollten sie dann nicht auch einer Person folgen können, die in ein Auto steigt?
00:01:21: Je länger ich mich allerdings mit Geruch-, Geruchsausbreitung und Suchhundearbeit beschäftigt habe, desto skeptischer wurde ich!
00:01:30: Und zwar nicht weil ich die Leistungsfähigkeit von Hunden unterschätze sondern gerade weil ich sie ernst nehme.
00:01:37: Denn gute Hunde arbeiten nicht mit Magie, Sie arbeiten mit Informationen und genau diese Informationen müssen vorhanden sein!
00:01:47: Inzwischen beschäftige ich mich seit mehr als zwanzig Jahren mit Mantrailing.
00:01:52: Ich habe mit sehr vielen Hunden gearbeitet Mit jungen Hunden, mit erfahrenen, mit Einsatzhunden.
00:02:01: Ich durfte mit Teams arbeiten, die in doppelblinden Trails konstant beeindruckende Leistungen gezeigt haben.
00:02:09: Und trotzdem habe ich persönlich noch nie erlebt dass ein Hund einen längeren Cartrail zuverlässig ausgearbeitet hätte – nicht ein einziges Mal!
00:02:33: Wenn Menschen über Cartrails sprechen entstehen oft spektakuläre Bilder.
00:02:39: Der Hund verfolgt die vermisste Person über Straßen, Kreuzungen und ganze Ortschaften hinweg – obwohl dieser längst in einem Fahrzeug sitzt.
00:02:48: Die Realität sieht meist deutlich unspektakulärer aus.
00:02:53: In Einsätzen erleben wir regelmäßig etwas anderes.
00:02:57: Die Hunde arbeiten konzentriert, sie verfolgen die Spur, sie treffen Entscheidungen und irgendwann kommen Sie an einen Punkt, an dem die Spurt endet!
00:03:07: Nicht langsam, nicht schleichend sondern oft sehr deutlich.
00:03:11: Der Hund sucht kontrolliert im Bereich versucht Informationen zu finden und zeigt letztlich dass keine fortsetzbare Spur mehr vorhanden ist.
00:03:22: Besonders interessant wird es dann wenn man einen zweiten Hund ansetzt oder einen dritten.
00:03:29: Wenn unterschiedliche Hunde unabhängig voneinander zum selben Ergebnis kommen beginnt man aufmerksam zu werden Denn dann stellt sich die Frage, vielleicht fehlt hier tatsächlich die Information, die die Hunde benötigen.
00:03:45: Wir hatten im Laufe der Jahre mehrere Einsätze, bei denen verschiedene Hunde unabhängig voneinander ein Spurende an einem Parkplatz einer Bushaltestelle oder auch an einer Bahnstation angezeigt haben.
00:03:59: Unsere Einsatzteam wissen dabei nie voneinander welches Ergebnis die anderen Teams erzielt haben.
00:04:06: Das ist bewusst so organisiert, damit jeder Hund und jeder Hundeführer möglichst vorurteilsfrei in das Szenario gehen kann.
00:04:15: Und nicht unbewusst durch die Einschätzung anderer beeinflusst wird.
00:04:19: Trotzdem kamen unterschiedliche Hunde immer wieder zu derselben Schlussfolgerung.
00:04:25: Und noch spannender?
00:04:27: In mehreren Fällen konnte sich später bestätigen dass die Hunde richtig lagen!
00:04:32: Die vermisste Person war tatsächlich an dieser Stelle in ein Verkehrsmittel eingestiegen und hatte ihren Weg nicht mehr zu Fuß fortgesetzt.
00:04:41: Für mich ist genau das, ein wichtiger Punkt in der gesamten Diskussion um Cartrails.
00:04:47: Unsere Hunde haben in diesen Situationen keinen Cartrail gearbeitet.
00:04:52: Sie haben die Spur nicht weiter verfolgt aber sie haben zuverlässig angezeigt dass die zu Fuß gehende Spur an dieser stelle endet Und sie haben dieses Ende nicht zufällig angezeigt, sondern wiederholt richtig.
00:05:09: Wir durften also in unseren Einsätzen feststellen dass die Hunde keine Cartreels laufen und gleichzeitig haben wir erlebt das Sie das Ende der Spur verlässlich und vor allem verlässlich richtig anzeigen können.
00:05:24: natürlich beweist auch das noch nichts.
00:05:28: Erfahrung allein ist keine Wissenschaft Aber Erfahrung ist oft der Ausgangspunkt für gute Fragen.
00:05:36: Und genau diese Fragen führen uns zum nächsten Punkt.
00:05:51: Der Grund für meine Skepsis liegt nicht in den Hunden, er liegt in der Physik.
00:05:57: Eine Geruchsspur entsteht nicht einfach dadurch dass irgendwo Geruch vorhanden ist.
00:06:02: sie entsteht durch Struktur.
00:06:04: Ein Mensch, der geht verliert kontinuierlich Hautschuppen.
00:06:08: Mikroorganismen, Teigbestandteile, Schweißbestandteil und zahlreiche flüchtige organische Verbindungen.
00:06:16: Diese Stoffe werden fortlaufend abgegeben.
00:06:20: Es entsteht eine zeitliche Reihenfolge Eine Richtung einer Art olfaktorische Geschichte.
00:06:27: Genau diese Geschichte ließ.
00:06:29: der Hund.
00:06:30: Steigt die Person jedoch in ein Auto, verändert sich die Situation grundlegend.
00:06:36: Der größte Teil des Geruchs bleibt im Fahrzeug.
00:06:40: Das Wenige was nach außen gelangt wird durch Luftströmungen und Turbulenzen verteilt.
00:06:47: Je schneller das Fahrzeug fährt desto stärker werden diese Effekte.
00:06:51: Es entsteht keine zusammenhängende Linie kein stabiler Geruchskradient Keine Spur im klassischen Sinn.
00:06:59: Und genau deshalb fällt es mir schwer, mir vorzustellen wie ein Hund über längere Strecken einer solchen Geruchssituation folgen soll.
00:07:09: Nicht weil seine Nase zu schlecht wäre sondern weil die erforderliche Information möglicherweise gar nicht vorhanden ist.
00:07:30: Vor einiger Zeit erhielt ich ein Mehl mit Ergebnissen aus seiner Versuchsreihe der Arge-Odorologie und genau solche Mehl mag ich Nicht weil sie meine Meinung bestätigen, sondern weil dort etwas passiert das in unserer Hundewelt viel zu selten geschieht.
00:07:47: Jemand testet eine Behauptung anstatt darüber zu diskutieren.
00:07:53: An den Versuchen beteiligten sich Hundeführer aus unterschiedlichen Bereichen – Polizei, Rettungshundestaffeln, private Man-Trailer.
00:08:02: Die ursprüngliche Fragestellungen war dabei eine ganz andere.
00:08:07: Man wollte herausfinden, ob ein Fahrzeug einen bestehenden Trail verleiten kann.
00:08:13: Dazu kreuzte die Versteckperson ihre eigene Spur später mit einem Fahrzeug.
00:08:19: Die Fenster waren geöffnet, die Hand hing aus dem Fenster.
00:08:23: das Fahrzeug bewegte sich langsam.
00:08:26: Das Ergebnis war bemerkenswert.
00:08:30: Kein einziger Hund ließ sich auf die Fahrzeugspur ziehen.
00:08:35: Alle Hunde arbeiteten die ursprüngliche Fußspur weiter aus.
00:08:40: Daraufhin wurde die Fragestellung erweitert, die Person ging zunächst einige hundert Meter zu Fuß, stieg anschließend in ein Fahrzeug, wurde einige Hundert Meter weit gefahren und setzte ihren Weg danach wieder zu Fuß fort.
00:08:56: Die Ergebnisse waren erstaunlich konsistent – die Hunde arbeitete die Spur zuverlässig bis zum Fahrzeug aus.
00:09:05: Dort kam es häufig zu Suchabbrüchen oder deutlichen Zögern.
00:09:10: Nach erneuter Geruchsvorgabe konnten viele Hunde die Suche fortsetzen und beim nächsten Wechsel zeigte sich oft dasselbe Verhalten erneut, das beweist nicht, dass Kathreils unmöglich sind aber es zeigt, dass die Sache deutlich komplizierter ist als manche Behauptungen vermuten lassen.
00:09:33: Besonders interessant finde ich diese Ergebnisse deshalb, weil sie zeigen wie wichtig es ist genau hinzusehen.
00:09:41: Vielleicht gibt es tatsächlich Situationen in denen Hunde unter ganz bestimmten Bedingungen Informationen entlang eines Fahrzeugs wahrnehmen können.
00:09:52: Geringe Geschwindigkeiten auf eine Fenster oder andere Faktoren könnten dabei eine Rolle spielen und genau deshalb sind weitere Versuche wichtig.
00:10:04: Gleichzeitig müssen wir aber aufpassen, aus solchen Beobachtungen keine weitreichenden Schlussfolgerungen abzuleiten Denn genau an dieser Stelle fällt mir etwas auf.
00:10:17: Auf der einen Seite sprechen wir hier über kontrollierte Versuche mit wenigen hundert Metern Fahrstrecke Über geringe Geschwindigkeiten, über offene Fenster Über Bedingungen, also unter denen man zumindest diskutieren kann ob Hunde möglicherweise Informationen entlang eines Fahrzeugs wahrnehmen könnten.
00:10:37: Auf der anderen Seite begegnet man in der Mantrailing-Welt immer wieder deutlich spektakulären Behauptungen – die meisten von uns kennen diese Geschichten.
00:10:48: Hunde sollen monatealte oder sogar jahrealte Fahrzeugspuren verfolgen können, teilweise über viele Kilometer Teilweise entlang stark befahrene Straßen oder Autobahnen.
00:11:03: Und genau hier tue ich mir schwer, denn zwischen den Ergebnissen solcher Versuchsreihen und der Behauptung ein Hund könne Jahre später eine Fahrspur auf einer Autobahn verfolgen liegt aus meiner Sicht eine gewaltige Lücke – nicht nur eine kleine Lücke sondern eine Lücke von mehreren Größenordnungen!
00:11:26: Solche Aussagen stehen nicht nur im Widerspruch zu meinen eigenen Erfahrungen aus mehr als zwanzig Jahren Man-Trailing, sondern auch zu allem was wir über Geruchsausbreitung, Verdünnung, Witterungseinflüsse und die Dynamik von Geruchspuren wissen.
00:11:43: Außergewöhnliche Behauptungen brauchen außergewöhnlich gute Belege – und genau diese Belege habe ich bislang nicht gesehen!
00:11:53: Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus diesen Versuchen.
00:11:57: Nicht, dass sie den Cartrail bewiesen hätten und auch nicht, dass Sie ihn widerlegt hätten sondern dass sie zeigen wie Wissenschaft funktioniert.
00:12:08: Man stellt Fragen man testet Annahmen Und man akzeptiert die Ergebnisse Auch wenn sie nicht den eigenen Erwartungen entsprechen.
00:12:31: Vielleicht ist die spannendste Frage gar nicht, ob Car Trails funktionieren.
00:12:36: Sondern warum die Vorstellung so attraktiv ist?
00:12:40: Menschen lieben außergewöhnliche Geschichten!
00:12:43: Ein Hund der einem fahrenden Auto folgt klingt spektakulär.
00:12:48: Ein Hund, der an einer Stelle stehen bleibt und keine Spur mehr findet, klingt dagegen unspektakuläer.
00:12:55: Doch Wissenschaft war noch nie besonders spektakkulär – sie ist oft langweilig, vorsichtig zurückhaltend und genau deshalb so wertvoll.
00:13:08: Hinzu kommt etwas anderes Wenn wir von den Fähigkeiten von Hunden begeistert sind neigen wir manchmal dazu ihre Leistungen zu überschätzen.
00:13:19: Wir möchten glauben dass sie Dinge können die fast über natürlich wirken.
00:13:24: Dabei sind die tatsächlichen Leistungen von Hunde bereits beeindruckend genug.
00:13:31: Wir müssen sie nicht größer machen, als es sind.
00:13:34: Was mir bei dieser Diskussion besonders wichtig ist – Es geht hier nicht um eine akademische Frage und nicht darum wer Recht hat.
00:13:44: Hinter vielen Suchhunde einsetzen stehen Angehörige die auf Antworten hoffen Menschen, die auf ein Lebenszeichen warten Menschen, der verzweifelt nach einem Vermissten suchen.
00:13:57: Gerade deshalb müssen wir mit unseren Aussagen besonders sorgfältig sein.
00:14:03: Wenn wir Fähigkeiten von Hunden behaupten, die wissenschaftlich nicht belegt sind oder sich in kontrollierten Versuchen nicht nachvollziehbar zeigen dann wecken wir möglicherweise Hoffnungen, die wir nicht erfüllen können und genau das halte ich für problematisch.
00:14:22: Hoffnung ist wichtig!
00:14:24: Sie trägt viele Angehörige durch die schwierigsten Stunden ihres Lebens.
00:14:29: Aber Hoffnung darf nicht auf Behauptungen aufgebaut werden, für die es keine belastbaren Nachweise gibt.
00:14:36: Wer außergewöhnliche Fähigkeiten verspricht, trägt auch die Verantwortung diese außergewönlichen Behauptung belegen zu können.
00:14:44: Solange solche Belege fehlen sollten wir ehrlich sagen – Wir wissen es nicht!
00:14:51: Denn Unsicherheit offen zu kommunizieren ist keine Schwäche.
00:14:56: Mit unbegründeten Hoffnungen zu spielen hingegen hilft niemanden, weder den Angehörigen noch den Einsatzkräften und letztlich auch nicht den Hunden.
00:15:19: Was bleibt also am Ende?
00:15:21: Meine persönliche Erfahrung spricht gegen den klassischen Cartrail – die physikalischen Grundlagen der Geruchsausbreitung sprechen für mich ebenfalls dagegen!
00:15:33: Unsere Hunde haben bislang immer ein Spurende gezeigt, wenn Personen in einen Verkehrsmittel eingestiegen sind.
00:15:41: Aber gleichzeitig möchte ich vorsichtig bleiben!
00:15:44: Denn nur weil wir etwas bisher nicht beobachten konnten bedeutet das nicht automatisch dass es unmöglich ist.
00:15:52: Vielleicht gibt es Bedingungen die wir noch nicht verstanden haben vielleicht gibt es Ausnahmen Vielleicht lernen manche Hunde bestimmte Kontextwechsel besser zu verarbeiten als andere.
00:16:05: Genau deshalb sind solche Versuchs rein wichtig!
00:16:08: Sie helfen uns Fragen zu stellen, sie helfen uns Behauptungen zu überprüfen und sie erinnern uns daran dass gute Hundearbeit nicht auf Überzeugungen basiert sondern auf Beobachtung, auf Erfahrung Auf der Bereitschaft, die eigene Meinung zu ändern wenn neue Erkenntnisse auftauchen.
00:16:32: Denn wie so oft im Man-Trailing gilt viele Antworten entstehen nicht durch Meinungen sondern durch systematisches Ausprobieren.
00:16:44: Ich bin Karina Kalks und das war Die Antwort auf alles ist Geruch!
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