Schwere Spur
Shownotes
Die „schwere Spur“ gehört zu den Begriffen, die im Mantrailing seit Jahrzehnten verwendet werden. Viele Hundeführer und Trainer sprechen über sie, als wäre ihre Existenz selbstverständlich – doch gibt es dafür überhaupt einen wissenschaftlichen Nachweis?
In dieser Folge werfen wir einen kritischen Blick auf eines der bekanntesten Konzepte der Suchhundearbeit. Wir sprechen darüber, woher die Vorstellung der schweren Spur stammt, was wir über Geruch tatsächlich wissen, welche Rolle Thermik, Wind und Umlagerung spielen und warum die Gehstrecke einer Person nicht automatisch mit der Geruchsstrecke des Hundes übereinstimmen muss.
Vor allem aber geht es um eine zentrale Frage: Woher wissen wir eigentlich, dass der Hund falsch liegt, wenn er nicht dort arbeitet, wo wir ihn erwarten?
Eine Folge über Geruch, Wahrnehmung, Denkmodelle – und darüber, warum wir oft nur das Arbeitsverhalten des Hundes beurteilen können, nicht aber die unsichtbare Geruchswelt, in der er sich bewegt.
Themen dieser Folge: Woher stammt der Begriff „schwere Spur“? Gibt es wissenschaftliche Belege für ihre Existenz? Warum wir Geruch nicht sehen können Thermik, Wind und Umlagerung Die historische Wasserspur Warum die Gehstrecke nicht automatisch die Geruchsstrecke ist Die Gefahr, Hunde an unseren Theorien statt an ihrem Verhalten zu messen Was wir im Mantrailing tatsächlich beurteilen können – und was nicht
Mehr Informationen: Karina Kalks Sachverständige für Hunde | Autorin | Mantrail Academy Austria
Buch: „Dem Geruch auf der Spur – Geruchssinn verstehen bei Hund und Mensch“
Die Frage dieser Folge: Folgt der Hund dem Geruch – oder unserer Vorstellung davon, wo Geruch sein müsste?
Transkript anzeigen
00:00:02: Die Antwort auf alles ist Geruch.
00:00:09: Ein Podcast über Geruch, Hunde und die Fragen dahinter mit Karina Kalks.
00:00:21: Wissenschaft beginnt dort wo Überzeugungen überprüft werden.
00:00:28: Vielleicht diskutieren wir im Man-Trailing seit Jahren über die falsche Frage nicht gibt es eine schwere Spur sondern Woher wissen wir eigentlich, worauf der Hund gerade arbeitet?
00:00:44: Wer sich länger mit Man-Trailing beschäftigt begegnet früher oder später einen Begriff, der erstaunlich selbstverständlich verwendet wird.
00:00:52: Die schwere Spur.
00:00:54: Viele Menschen sprechen darüber als wäre ihre Existenz längst bewiesen.
00:01:00: die schwere spur liegt am Boden.
00:01:03: Der Hund soll auf der schweren Spur arbeiten.
00:01:06: Der Hund hat die schwere Spur verloren, der Hund ist von der schweren Spur abgekommen.
00:01:13: Manche Ausbildungsansätze bauen sogar große Teile ihrer Trainingsphilosophie auf diesem Konzept auf und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
00:01:25: Denn wenn man nach wissenschaftlichen Belegen sucht wird es erstaunlich ruhig!
00:01:31: Tatsächlich gibt es bis heute keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Hunde auf einer sogenannten schweren Spur arbeiten.
00:01:40: Niemand hat eine schwere Spur gemessen – niemand hat eine Schwere Spursichtbar gemacht!
00:01:46: Niemand konnte bislang zeigen, das genau diese Geruchskomponente diejenige ist der der Hund tatsächlich folgt.
00:01:56: Trotzdem wird oft so gesprochen als wäre all das längst geklärt.
00:02:02: Und genau das macht diesen Mythos so spannend, denn vielleicht geht es gar nicht um Geruch?
00:02:09: Vielleicht geht es um unsere Vorstellung von Geruch!
00:02:26: Um fair zu bleiben müssen wir zunächst verstehen woher dieser Begriff überhaupt stammt.
00:02:32: Die Vorstellung einer schweren Spure entstand nicht aus moderner Geruchsforschung.
00:02:37: Sie stammt aus einer Zeit, in der Fährtenarbeit vor allem als Bodenarbeit verstanden wurde.
00:02:43: Der Hund sollte möglichst exakt der Trittspur folgen.
00:02:47: Er sollte die Nase tiefhalten.
00:02:49: er sollte Schritt für Schritt arbeiten.
00:02:53: Je genauer der Hund auf der Gestrecke blieb desto besser galt seine Arbeit.
00:02:59: Innerhalb dieses Denkmodells lag die Vermutung nahe dass sich relevante Geruchsinformationen direkt auf oder unmittelbar über der Gestrecke befinden.
00:03:10: Und weil Menschen dazu neigen, unsichtbare Dinge mit sichtbaren Bildern zu erklären entstand irgendwann die Vorstellung einer Spur, die gewissermaßen am Boden liegt – schwer, greifbar, stabil!
00:03:27: Das Problem ist nur eine Plausible Vorstellung ist noch kein wissenschaftlicher Beweis.
00:03:34: Viele Dinge klingen logisch und erweisen sich später trotzdem als falsch.
00:03:41: Die Geschichte der Wissenschaft ist voll von solchen Beispielen!
00:03:46: Für mich liegt das eigentliche Problem gar nicht darin, dass Menschen an die schwere Spur glauben.
00:03:53: Jeder darf Modelle entwickeln, jeder darf Hypothesen haben.
00:03:57: Das Problem entsteht erst dann, wenn aus einer Hypothese eine Gewissheit wird.
00:04:03: Denn plötzlich verändert sich dadurch unser Training!
00:04:07: Wenn wir überzeugt sind dass die relevante Information ausschließlich auf der Gestrecke liegt beginnen wir automatisch den Hund daran zu messen.
00:04:18: Der Mensch kennt den Weg der Versteckperson.
00:04:21: Der Hund arbeitet daneben und sofort entsteht der Gedanke Der Hund legt falsch.
00:04:28: Aber woher wissen wir das?
00:04:32: Wir wissen, wo die Person gegangen ist!
00:04:35: Wir wissen nicht, wo sich die Geruchsinformation befindet.
00:04:39: Das ist ein entscheidender Unterschied.
00:04:43: Vielleicht arbeitet der Hund falsch vielleicht arbeitet er aber auch exakt dort Wo sich die für ihn relevante Information befindet Und genau das können wir nicht beurteilen.
00:05:09: Was wir wissen, ist erstaunlich und gleichzeitig ernüchternd.
00:05:15: Geruch besteht aus Molekülen – diese Molekühle werden abgegeben, verteilt, verwirbelt, transportiert, gebunden und wieder freigesetzt.
00:05:25: Sie reagieren auf Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind, Oberflächen, Sonneneinstrahlung, Bebauung, Vegetationen, Fahrzeuge, Luftströmungen.
00:05:37: Geruch ist dynamisch.
00:05:40: Er verhält sich nicht wie eine Linie auf dem Boden, er verhält dich eher wie ein komplexes Informationsfeld und dieses Feld verändert sich ständig.
00:05:51: Genau deshalb ist es so schwierig eindeutige Aussagen darüber zu treffen wo sich Geruch gerade befindet.
00:05:59: Wir können Modelle entwickeln wir können Wahrscheinlichkeiten formulieren Wir können erklären, was vermutlich passiert.
00:06:09: Aber wir können im realen Gelände nicht exakt sagen, welche Information der Hund in diesem Moment wahrnimmt.
00:06:18: Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis der gesamten Folge?
00:06:23: Wir sehen Geruch nicht!
00:06:26: Das klingt banal – ist es aber nicht denn genau daraus ergeben sich enorme Konsequenzen.
00:06:32: Wir sehen den Weg der Versteckperson Wir sehen Straßen, Kreuzungen.
00:06:38: Wir sehen Gebäude, Wiesen, Waldwege – wir sehen alles außer den Geruch und genau deshalb besteht ständig die Gefahr dass wir unsere eigene Vorstellung an die Stelle der Realität setzen.
00:06:53: Wir glauben zu wissen wo Geruch sein müsste!
00:06:58: Der Hund arbeitet woanders und plötzlich glauben wird der Hund habe einen Fehler gemacht.
00:07:05: Dabei könnte es genauso gut sein, dass der Hund recht hat und wir nicht.
00:07:12: Das ist ein Gedanke, der viele Menschen zunächst irritiert.
00:07:17: Die Versteckperson geht einen Weg Der Hund arbeitet einen anderen.
00:07:22: Wie kann das sein?
00:07:24: Die Antwort ist einfach Weil Geruch beweglich ist.
00:07:29: Geruch bleibt nicht zwangsläufig dort wo er entstanden ist.
00:07:33: Er kann verlagert werden Er kann an Oberflächen haften, er kann freigesetzt werden.
00:07:40: Verwirbelt werden – er kann sich sammeln und er kann verdünnt werden.
00:07:44: Er kann durch Luftströmungen transportiert werden.
00:07:48: Die G-Strecke ist deshalb nicht automatisch identisch mit der Geruchstrecke Und genau deshalb sollten wir vorsichtig sein.
00:07:58: wenn wir Hunde ausschließlich daran messen wie exakt sie dem Weg der Versteckperson folgen beurteilen dabei oft die Übereinstimmung mit unserer Karte.
00:08:10: Nicht unbedingt die Qualität der Geruchsarbeit!
00:08:25: Wenn wir Geruch verstehen wollen, müssen wir über Thermik sprechen – über Wind, um Lagerung und Umweltphysik?
00:08:34: Warme Luft steigt auf, kalte Luft sinkt ab, Gebäude erzeugen Fabierbelungen, Mauern lenken Luftströmungen um Heckenbremsenwind.
00:08:47: Asphalt erwärmt sich, Waldstücke verhalten sich anders als offene Flächen.
00:08:53: Jeder dieser Faktoren beeinflusst die Verteilung von Geruch und das bedeutet zwischen dem Moment in dem eine Person einen Ort verlässt und dem Moment, indem der Hund arbeitet kann sich die Geruchsverteilung bereits erheblich verändert haben.
00:09:14: Das ist Keine Theorie.
00:09:16: Das ist Physik!
00:09:18: Die spannende Frage lautet deshalb nicht, wo die Person gegangen ist sondern welche Information steht im Hund jetzt gerade zur Verfügung?
00:09:41: Ein interessanter historischer Exkurs ist die sogenannte Wasserspur.
00:09:46: Dabei wurde Wasser auf die Gestrecke aufgebracht.
00:09:50: das Ziel war die Spur stabiler und linearer zu gestalten.
00:09:55: Didaktisch kann das durchaus sinnvoll sein.
00:09:59: Eine stabilere Struktur kann dem Hund helfen, bestimmte Lernziele zu erreichen.
00:10:06: Das Problem entsteht erst dann wenn daraus falsche Schlussfolgerungen gezogen werden Denn die Wasserspur beweist nicht die Existenz einer schweren Spur.
00:10:18: Sie zeigt lediglich dass veränderte Umweltbedingungen die Struktur eines Spurs beeinflussen können.
00:10:24: Mehr Nicht.
00:10:25: Wasser macht Geruch nicht schwer.
00:10:28: Wasser verändert Bedingungen.
00:10:31: Das ist ein wichtiger Unterschied.
00:10:44: Ich glaube, viele Trainer kennen folgende Situation Der Hund wird angesetzt, der Hundeführer kennt die Strecke und der Hund arbeitet einige Meter daneben.
00:10:58: Der Mensch wird nervös, der Hund wird korrigiert, den Hund wird zurückgeführt.
00:11:03: Der Hund wird erneut auf die bekannte Gestrecke gesetzt.
00:11:07: Warum?
00:11:08: Weil der Mensch überzeugt ist, zu wissen wo die relevante Information liegen muss.
00:11:15: Doch genau das wissen wir nicht!
00:11:18: Vielleicht hatte der Hund tatsächlich unrecht – vielleicht aber auch nicht.
00:11:24: Vielleicht arbeitete er auf einer Information, die für ihn wesentlich relevanter war als die Information direkt auf der Gestrecke.
00:11:34: Und genau hier beginnt das eigentliche Problem, wir korrigieren den Hund möglicherweise nicht aufgrund von Geruch sondern aufgrund unserer Theorie von Geruchs.
00:11:49: Im Einsatz wird diese Frage noch wichtiger denn dort gibt es keine perfekte Trainingssituation.
00:11:57: Menschen bewegen sich, Fahrzeuge fahren Wetter verändert sich Suchmaßnahmen beginnen Angehörige laufen durch das Gebiet Polizei arbeitet im Einsatzraum Geruch wird verteilt verändert verschleppt überlagert.
00:12:14: Wenn ein Hund in einem solchen Umfeld an einer Stelle intensiv arbeitet bedeutet dass nicht automatisch dass er die Spur verloren hat.
00:12:24: wenn er einen Bogen läuft bedeutet das nicht automatisch einen Fehler.
00:12:29: Wenn er seitlich arbeitet, bedeutet es auch nicht automatistisch dass er neben der Spur liegt.
00:12:36: Wir wissen schlicht nicht welche Information er gerade verarbeitet und genau deshalb müssen wir vorsichtig sein.
00:12:56: Ein weiterer Punkt wird oft übersehen Der selbe Trail ist nicht für jeden Hund derselben Trail.
00:13:03: Hunde unterscheiden sich.
00:13:05: Sie unterscheiden sich in ihrer Erfahrung, in ihrer Ausbildung, in Ihrer Motivation, im Suchenstil und in Ihrer Persönlichkeit.
00:13:17: Ein Hund erkennt vielleicht Muster die ein anderer Hund noch nicht erkennt.
00:13:22: Einer Fahrer kann mit komplexen Situationen anders umgehen als ein Anfänger.
00:13:28: Ein selbständiger Hund trifft andere Entscheidungen als ein Hund, der stark auf seinen Menschen orientiert ist.
00:13:36: Deshalb sagt die Schwierigkeit eines Trails oft genauso viel über den jeweiligen Hund aus wie über die Umweltbedingungen.
00:13:45: Was können wir eigentlich objektiv beurteilen?
00:13:50: Vielleicht ist das die wichtigste Frage überhaupt.
00:13:54: Nicht den Geruch nicht die schwere Spur nicht die genaue Verteilung der Geruchsinformationen nicht die Moleküle Nicht die Komponente, auf der der Hund gerade arbeitet.
00:14:06: Was wir beurteilen können ist das Verhalten des Hundes.
00:14:11: Wir können sehen ob er konzentriert arbeitet.
00:14:14: Wir können seen ob er Informationen verarbeitet oder Entscheidungen trifft und wir können sehen, ob er Suchverhalten zeigt.
00:14:24: Wir kann sehen ob es systematisch vorgeht.
00:14:28: Das Arbeitsverhalten des Hundes können wir beobachten.
00:14:32: Die Geruchswelt, in der er arbeitet können wir nur vermuten und genau deshalb sollte das Verhalten des Hundes oft mehr Gewicht haben als unsere Theorien.
00:14:55: Vielleicht existiert die schwere Spur?
00:14:58: Vielleicht existieren sie nicht!
00:15:01: Das ehrlichste was wir heute sagen können ist Wir wissen es nicht.
00:15:07: Was wir wissen ist etwas anderes Das Geruch komplex ist.
00:15:13: Wir wissen, dass Geruch dynamisch ist!
00:15:17: Wir wissen das Umweltbedingungen Geruch beeinflussen.
00:15:21: Wir wissen, dass Hunde Informationen verarbeiten die wir selbst nicht wahrnehmen können und wir wissen... ...dass wir Geruch nicht sehen.
00:15:32: Deshalb sollten wir vorsichtig sein wenn wir Hunde an Modellen messen, die bislang niemand nachweisen konnte.
00:15:41: Vielleicht ist die wichtigere Frage nicht, arbeitet der Hund auf der schweren Spur?
00:15:48: Sondern... ...arbeitet der Hund sinnvoll mit den Informationen, die ihm gerade zur Verfügung stehen.
00:15:55: Denn am Ende arbeiten Hunde nicht auf Theorien!
00:15:59: Sie arbeiten nicht auf Begriffen, sie arbeiten nicht aus unseren Vorstellungen.
00:16:05: Sie arbeiten auf Informationen und genau deshalb lohnt es sich ihnen manchmal etwas mehr zuzuhören.
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